Was ist nun die Ursache dafür, dass sich beim sexuellen Trieb das Schamteil anfüllt? Und warum (geschieht das) auch bei denjenigen, die auf dem Rücken liegend schlafen, wenn sie in der Leistengegend erwärmt werden? Wenn die Ursache gefunden wird, dann gibt es auch Hoffnung, dass wir auch den Zustand des Priapismus herausfinden werden. Dass die Hauptursache in den Arterien oder den röhrenförmigen Sehnen liegt oder auch weil beides sich verändert hat im Vergleich zum vorherigen Zustand und dass es deswegen notgedrungen zur Anfüllung (des Körperteils) kommt, ist unmittelbar deutlich. Aus welcher Ursache von den beiden eher oder ob aus beiden, (das) lasst uns im Folgenden prüfen, nachdem wir folgenden Anfang unserer Argumentation machen. Die Natur, die die Körperteile geformt und vervollkommnet hat, bewirkte, dass sie ohne Belehrung ihre eigene Funktion aufnehmen. Die größte Prüfung dieser (These) stellte ich an, als ich einmal eine junge Ziege aufzog, ohne dass sie jemals die (Mutter), die mit ihr schwanger war, gesehen hat. Als ich nämlich schwangere Ziegen wegen der theoretischen Fragestellungen der Anatomiker in Bezug auf die Ausprägung des Fötus sezierte, fand ich einmal einen kräftigen Fötus und löste ihn von der Gebärmutter wie wir es gewöhnlich tun; ich habe ihn losgerissen, bevor er seine Mutter sehen konnte, brachte ihn in ein Haus, das viele Schüsseln hatte, die eine voll mit Wein, die andere mit Öl, die andere mit Honig, eine andere mit Milch oder mit irgendeiner anderen Flüssigkeit, nicht wenige andere waren voll mit Getreide wie auch mit Obst, und (ich) legte ihn ab. Wir haben aber gesehen, dass jener Fötus zuerst mit den Füßen lief, wie wenn er gehört hätte, dass er seine Gliedmaßen um des Gehens willen hätte. Zweitens haben wir gesehen, dass er die Flüssigkeit aus der Gebärmutter von sich abschüttelte und drittens, dass er sich danach mit einem Fuß die Flanke kratzte. Danach sahen wir, wie er an jedem (der Gefäße), die da lagen, schnupperte; als er an allem geschnuppert hatte, schlürfte er von der Milch, und an dem Punkt haben wir alle aufgeschrien, da wir deutlich sahen, was Hippokrates sagte: „Die Natur der Lebewesen brauchen keine Anleitung“. So haben wir auch jenes Zicklein aufgezogen und wir haben gesehen, dass es später nicht nur die Milch zu sich nahm, sondern auch einiges andere von den Sachen, die da lagen. Da der Zeitpunkt, zu dem der junge Bock seiner Mutter entrissen wurde, zeitnah zur Frühlingstag- und Nachtgleiche war, brachte ich ihm nach ungefähr zwei Monaten zarte Zweige von Büschen und Pflanzen; nachdem er wieder an allen diesen geschnuppert hatte, hielt er sich von einigen sofort fern, andere aber hielt er für würdig zu kosten, und nachdem er gekostet hatte, machte er sich auf zum Verzehr von Speisen, die auch den großen Ziegen vertraut sind. Nachdem er die Blätter und die zarten Zweige abgefressen hatte, schluckte er sie runter, und wenig später ging er zum Wiederkäuen über; alle diejenigen, die dies wieder sahen, schrieen auf, erstaunt über die natürlichen Kräfte der Lebewesen. Ein großer (Beweis) war nämlich auch die Tatsache, dass er, als er Hunger hatte, die Nahrung mit dem Mund und den Zähnen zu sich nahm; aber (die Erkenntnis), dass es angemessen war, das in den Magen Heruntergeschluckte zunächst einmal in den Mund wiederzubringen, es dann darin lange Zeit kauend zu zermalmen und es danach herunterzuschlucken, aber nicht in Richtung desselben Magens, sondern eines anderen, schien uns erstaunlich genug zu sein. Die meisten aber übersehen derartige Werke der Natur und bestaunen nur fremde Spektakel. Denn wie kann es uns nicht verwundern, dass die am meisten anatomisch interessierten Ärzte untersuchen, durch welchen Muskel dieses Gelenk ausgestreckt wird, wie z. B. das Hüftgelenk, durch welchen es gebeugt wird, welche die Muskeln sind, die es zu jeder der beiden Seiten wegführen, und welche diejenigen (sind), die es nach beiden Seiten hin drehen. Das Zicklein aber führt sofort eine jede beliebige Gelenkbewegung willentlich aus, wie freilich auch die Menschen selbst, obwohl sie nicht wissen, durch welchen Muskel jede einzelne Bewegung zustande kommt. Wie könnte man sich bei der Bewegung der Zunge nun, um ein Beispiel zu erwähnen, nicht wundern, wenn man herausfindet, dass diese Männer sich zwar untereinander uneinig sind, nicht nur, was die Anzahl der Muskeln betrifft, sondern auch was ihre Funktionen angeht, dass die Natur aber die kleinen Kinder belehrt hat, wie sie einerseits diese Stimme hier nachahmen sollen, oder irgendeine andere, wie sie andererseits ihre Zunge bewegen sollen, und durch welche Muskeln sie dieselbe Stimme bewirken sollen? So verhält es sich aber auch mit der ganzen Stimme der anderen und der Atmung, und man kann zusammenfassend sagen, dass man an den willkürlichen Funktionen am meisten bewundern könnte, dass die Organe durch sich selbst belehrt sind. Obwohl nun auch über diese Funktionen große Uneinigkeit unter den anatomisch interessierten Männern herrscht, wie sie zustande kommen und durch welche Organe, dennoch atmen und sprechen alle Lebewesen gleich nach ihrer Geburt.