Es ist also nicht verwunderlich, dass auch die Fortpflanzungsorgane die Funktionen, für die sie von der Natur geschaffen wurden, sofort von Anfang an kennen. Denn nachdem die Gebärmutter den Samen empfangen hat, schließt sie sich genau, bis der Embryo vollendet ist, und öffnet sich meistens, nachdem er vollendet wurde, und wenn sie sich aus eben diesem Grund öffnet, scheidet sie den Embryo aus. Diese Sachverhalte werden aber gering geachtet, weil man sie ständig sieht, und (sie) werden von den meisten übersehen, weil sie, wie mir scheint, Dinge bewundern, die nicht wahrhaftig bewundernswert sind, sondern die sie selten sehen. Was könnte nämlich in der Natur erstaunlicher sein als die Tatsache, dass die Öffnung der Gebärmutter ganze neun Monate lang so genau geschlossen ist, dass sie nicht einmal die Nadel einer Sonde aufnehmen kann, wenn aber der Keimling vollendet wurde, hat sie solche Ausmaße, dass das ganze Lebewesen herauskommt. Niemand zweifelt also daran, dass auch die Kraft der Geschlechtsorgane durch sich selbst belehrt ist, sodass jener röhrenartige Körper, sehnig oder strangartig im Aussehen, immer wenn das Lebewesen dem Trieb zum Geschlechtsverkehr nachgeht, sofort auseinandergeht, weil er eine natürliche Kraft hat, die ihn erweitert, wie das Herz und die Arterie, mit dem Unterschied, dass jene sich zwar immer bewegen, weil wir auch ihre Funktion immer brauchen, der röhrenartige Nerv aber bewegt sich nicht immer, sondern wenn es erforderlich ist. Wenn er sich erweitert, folgt die Luft aus den Arterien, wie die Lunge dem Brustkorb (folgt), in einer Folge, die dem Entleerten entspricht. Vielleicht könnte man auch den Arterien die Kraft der Luft zuweisen, die den röhrenartigen Nerv anfüllt, wenn das Lebewesen dem Trieb zum Geschlechtsverkehr nachgeht. Es ist aber viel besser zu sagen, dass dies die Funktion des Nervs ist, nicht der Arterien, wenn es freilich naheliegt, dass sich die Funktionen aus der den Körperteilen eigenen Substanz ergeben und nicht aus der Lage, und dass das Herz, selbst wenn es an einem anderem Ort läge, dieselbe Funktion hätte; und (dies gilt auch für) die Leber und die Milz und alle anderen (Organe). Es ist nun naheliegend, dass auch die Arterien in jedem Körperteil die gleiche Funktion haben, wie es sich auch zeigt. Zu einem passenden Zeitpunkt erweitern sich also die Arterien im ganzen Lebewesen in einer einander ähnlichen Weise. Folglich ist es nicht wahrscheinlich, dass die in das Geschlechtsteil einwachsenden Arterien eine andere Kraft noch dazu gewinnen neben der bereits in ihnen vorhandenen im ganzen Körper, sondern es ist denkbar, dass sie breitere Öffnungen haben als die anderen Arterien, da sie so eingerichtet sind, schnell aufzufüllen, was sich entleert hat; die Natur erfüllt nämlich immer das für jede Funktion Nützliche von überall her, scheint aber keine andere besondere Kraft der Funktion zu haben, wenn (die Arterien) zum Geschlechtsteil gelangen. Wenn jedoch die Lenden gewärmt werden, kann man sich gut vorstellen, dass die Arterien wärmer werden und sich ihre Mündungen weiter öffnen, sodass sie auch in diesem Bereich eine nicht geringe Menge Luft herausströmen lassen in den röhrenartigen Nerv, wodurch das Geschlechtsteil, das sich ein bisschen davon anfüllt, sich anspannt, wie wenn sich seine gesamte Substanz im Bereich des röhrenartigen Nervs befände. Da uns diese Sachverhalte bekannt sind, wollen wir nun zum Zustand des Priapismus übergehen. Dass es zu (diesem) Leiden kommt, entweder weil sich die Mündungen der Arterien weiten oder weil der röhrenartige Nerv eine dampfartige Luft hervorbringt, zeigt sich aus den zuvor erkannten Sachverhalten. Man muss nun untersuchen, welcher von beiden Ursachen man eher die Verantwortung geben könnte. Mir scheint es nun, dass es zu diesem Leiden zwar aus beiden Gründen kommt, dass es aber häufiger auf die Erweiterung der Mündungen der Arterien folgt. Diese (Mündungen) können nämlich leichter erweitert werden als dass sich eine blähende Luft im röhrenartigen Nerv bildet. Und ich meine, diesen Zustand im Bereich des Nervs zwar nur einmal gesehen zu haben, den (Zustand) der Arterien aber mehrmals. Diese Schlussfolgerung habe ich sowohl aufgrund der vorangegangenen Symptome gezogen als auch aufgrund der Art der Behandlung. Bei demjenigen nämlich, bei dem kontinuierliche Pulsschläge vorangegangen waren, war die Ursache eine blähende Luft; diesem Umstand habe ich die ganze Behandlung angepasst und den Menschen geheilt. Bei denjenigen aber, bei denen die Mündungen der Arterien erweitert worden waren, ging zwar kein derartiges Symptom voran, aber bei dem einem kam es zu einer langanhaltenden Enthaltung vom Geschlechtsverkehr entgegen seiner Gewohnheit, bei dem anderen war der Verzehr von scharfen und schlechten Säften enthaltenden Speisen (vorangegangen), bei dem dritten, dass er bei einer zweimonatigen Wanderung einen Gürtel trug, obwohl er es nicht gewohnt war. Dass es zu einer Öffnung der Mündungen der Arterien gekommen war, haben wir bei den einen wegen der Schärfe infolge der schlechten Säfte erschlossen, bei den anderen wegen der Entstehung einer blähenden Luft, die sich ungeordnet und gewaltsam bewegt.