Man kann sich noch mehr wundern, wie sich Erasistratos selbst dessen nicht bewusst ist, wie widersprüchlich die beiden Darlegungen einander sind, wie es uns und allen anderen Menschen scheint, wenn er im Folgenden äußerst sorgfältig über die Entleerung des Eiters schreibt, wie sie (die Entleerung) sich bei den Entzündungen des Rippenfells und wie sie sich bei den eitrigen Abszessen der Lunge ausnimmt. Sie (die Darlegungen) werden aber deutlich verstanden werden, wenn man seine Ausführung daneben schreibt, die wörtlich folgendermaßen lautet: „Bei diesen selben Erkrankungen kommt es bisweilen zur Reinigung (durch Austritt) von viel Eiter. Die Ursache davon ist wider die Natur der Gefäße. Die Betrachtung dieser (Gefäße) ergibt Folgendes: Aus dem Herzen wächst eine sehr große Vene hervor, die entlang der Wirbelsäule verläuft und an dem Ort endet, an dem das Zwerchfell aus den Wirbeln entspringt. Aus dieser (Vene) wachsen diejenigen Venen hervor, welche sich entlang der Rippen erstrecken und neben den Arterien liegen. Wenn nun ein eitriges Geschwür an diesen Orten entsteht, oder ein Abszess, welcher eine größere Ansammlung von Eiter bewirkt, dann kann sich dieser Eiter nicht leicht zwischen der Lunge und den Rippen einen Ausfluss finden, weil das Rippenfell sehnig, stark und schwer zu durchdringen ist. Er (der Abszess) zerplatzt (und ergießt sich) in die Gefäße, die innerhalb des Rippenfells liegen. Da die Vene dünner und schwächer als die Arterie ist, teilen sich diese Gefäße früher als die um die Arterien herum liegenden. Bei der Teilung kommt es zum Ausfluss des Eiters in die Venen hinein. Freilich findet kein Austritt des Eiters zu den unteren Regionen (des Körpers) hin statt, weil die Natur der Venen nicht so weit reicht, sondern (weil) sie dort enden, wo, wie gesagt, das Zwerchfell beginnt. Immer wenn die zusammenhängenden Orte gefüllt werden, zieht er (der Eiter) sich notwendigerweise in die oberen Regionen hinauf. Man muss auch an die Funktion der Lunge bei der Atmung denken, das Ansichziehen und das Wegstoßen der Luft und der Flüssigkeiten, und (auch daran), dass es auf diese Weise zur Rückkehr des Eiters von den Rippen in die Lunge kommt. Auf welche Weise es aber zur Hinaufführung aus der Lunge kommt, ist vorher ausgeführt worden.“ In diesem Passus ist zwar das von Erasistratos Gesagte wahr, dass der von den Venen aufgenommene Eiter nicht tiefer als bis zum Zwerchfell gelangen kann, da ja die Vene, welche die acht unterhalb des Brustkorbs liegenden Rippen – nicht alle nämlich – nährt, bis zum Zwerchfell reicht. Man braucht sich nun nicht über Kleinigkeiten zu streiten, ob ein kleiner Teil von ihr herausfällt. Das Prinzip aber, wie dieser Eiter wieder in die Höhe spritzt, hat er nicht einmal versucht zu erklären und auch keiner von seinen Anhängern. Denn so wie sie behaupten, dass eine Arterie sich von der großen abspaltet und zur Lunge kommt, so können sie sich nicht – in Analogie dazu – über die Vene äußern. Denn bei der Arterie sieht man, wenn sie sich auch nicht deutlich in das Organ hineinspaltet, so doch wenigstens, dass sie unter ihm liegt und sich bis zur Luftröhre verzweigt. Aber weder haben wir gesehen noch hat (es) einer der Anatomie-Schriftsteller geschrieben, und auch Erasistratos selbst wagte es nicht zu sagen, dass sich die große Vene in der Wirbelsäule zur Lunge erstreckt. Alle nämlich stimmen darin überein, dass die Lunge von der rechten Herzventrikel über ein einziges Gefäß Blut erhält. Es wird also nötig sein, dass der von den Rippen kommende und in die Vene in der Wirbelsäule fließende Eiter zuerst zum Herzen kommt, zweitens in die Vene, die von diesem (Herzen) ausgehend zur Lunge führt, und dann drittens von dieser (Vene) in die rauen Arterien (Hauptbronchien) übergeht, und dass danach der Husten nötig sein wird, der ihn (den Eiter) dann deutlich zum Mund hinaufzuführen imstande sein wird. Auf welche Weise nun die Trennung des mit Blut vermischten Eiters von diesem geschieht, hat er nicht dargelegt und überging es, als wäre dieser Aspekt etwas Unwichtiges und Zufälliges und nicht eben dieses, was seine gesamte Argumentation zusammenhält. Denn auch dies ist nicht möglich zu sagen, dass das enthaltene Blut durch die Vene in der Wirbelsäule von Natur aus zum Herzen zurückgeführt wird. Das genaue Gegenteil kann man sagen, dass diese Vene, die vom rechten Herzohr ihren Ausgang nimmt, Blut mit sich führt, welches alle an den acht Rippen befindlichen Teile des Brustkorbs versorgen soll – nicht aber die Teile an seinen vier hohen Rippen, denn die Venen, die jene versorgen, entstammen aus derjenigen, die zur Kehle hinaufsteigt, im Raum zwischen dem Herzen und den Schlüsselbeinen; daher geht auch dieser Widerspruch hinlänglich aus den Argumenten des Erasistratos hervor. Der Eiter nämlich, der von den vier oberen Rippen des Brustkorbs in die Hohlvene herunterfließt, wird besonders zu den Venen geführt in der Gegend um das Genick, die Schulterblätter, Kopf und Hände, und dann auch zu den Venen des ganzen Körpers. Diese Ungereimtheiten resultieren nun aus den Schriften des Erasistratos, und darüber hinaus noch seine Auslassung betreffend die Beweisführung der Ursachen. Er sagt nämlich, dass der Eiter nicht leicht zwischen der Lunge und den Rippen einen Ausfluss finden kann, „weil das Rippenfell sehnig, stark und schwer zu durchdringen ist“; dass sich aber der Eiter niemals in diese Lücke ergießen könne, leugnete er nicht, und er fügte seiner Aussage das „nicht leicht“ hinzu. Es ist nun nötig, diesem „nicht leicht“, obgleich es nun niemals geschehen kann, die Begründung beizugeben, indem man lehrt, auf welchen Wegen der Eiter bei den eitrigen Abszessen ausgeworfen wird. Ganz so wie wir nämlich gesehen haben, dass nicht wenige von denen, die in einem solchen Zustand waren, zugrunde gegangen sind, so sind viele andere auch gerettet worden, bei denen man, wenn jemand den täglich ausgehusteten Eiter gesammelt hätte, im Ganzen sechs oder acht Kotylen, manchmal aber auch zehn gefunden hätte.