Diesem Sachverhalt ähnlich ist die Fragestellung über die Teile, die zwar schon betroffen sind, aber noch keinen eigenen Zustand in sich haben. Eigen nennen wir einen Zustand, wenn er noch anhält, obwohl die ihn hervorbringende Ursache abgetrennt wurde. Gemäß dieser Betrachtung behaupten nun wiederum einige, dass der Kopf bei all jenen Kopfschmerzen keineswegs betroffen sei, die wegen eines galligen Saftes entstehen, der im Magen enthalten ist. Denn wenn er erbrochen werde, höre der Kopfschmerz augenblicklich auf, wie für den Fall, dass er auch nach dem Erbrechen noch anhält, dann sei der Kopf betroffen. Viel eher aber (passe es), wann immer Symptome im Bereich der Augen auftreten, die denen des Katarakts ähnlich sind, bei denen sich irgendein Rückstand im Bereich des Magenmundes sammelt. Denn diese seien gleichsam wie irgendwelche Schatten der Leiden. Bei allen solchen Fragestellungen haben unsere Vorgänger übertrieben, höchst selten schrieben sie über das Erkennen der erkrankten Körperteile, aber wir wollen den Weg einschlagen, der jenen entgegengesetzt ist, indem wir die Leute trainieren und anleiten, wie man sagen könnte, die sich um das Erkennen der erkrankten Teile bemühen. Wie kurz zuvor ein Mensch angenommen wurde, der bei einer Spannung der Blase unfähig war, Harn zu lassen, so sei auch jetzt eine Harnverhaltung angenommen, die sich ohne eine Schwellung in der Blase gebildet hat. Es ist doch wohl zwingend notwendig, dass bei einer solchen Harnverhaltung entweder die Harnleiter oder die Nieren verstopft sind. Hier muss man nun wiederum die der Harnverhaltung vorangegangenen Symptome betrachten, ob die Nieren unter Steinen litten oder sich entzündet hatten oder von irgendetwas anderem Schlechten betroffen waren. Zusätzlich ist aber auch der Zustand im gesamten Körper zu betrachten, um so weit wie möglich durch kunstgerechte Vermutung unterscheiden zu können, ob die Verstopfung in den Nieren selbst wegen irgendwelcher Steine oder wegen (der) Dicke (der) Säfte oder ob sie im Bereich der sogenannten Harnleiter vorliegt, welche die Gänge sind, die von den Nieren zur Blase führen. Denn einige Zustände führen zwar zu einer genauen Erkenntnis, wie wir kurz zuvor sagten, über die Erkrankungen, die die Eigentümlichkeit der betroffenen Substanz zeigen, andere aber fallen unter die kunstgerechte Vermutung und deshalb wird die Argumentation lang, selbst dann, wenn einer die Sophisten beiseitegeschafft hat, wie wir sicherlich auch jetzt Asklepiades gering schätzen, weil er so viel Ungewöhnliches über die Sammlung von Urin in der Blase schrieb, was an anderen Stellen widerlegt ist. Es ist aber auch schon das von allen Anatomen verworfen worden, was von denjenigen über den führenden Teil der Seele geschrieben ist, die glauben, dass er sich im Herzen befindet. Auch die Leute um Archigenes, die dabei blieben, von ihrer Lehrmeinung nicht deutlich Abstand zu nehmen, auch wenn sie sahen, dass sie widerlegt wurde, sowohl durch viele andere (Gründe), ganz besonders aber auch bei den Behandlungen der an Phrenitis und Lethargie leidenden (Patienten), (auch diese) wenden die Argumente nach oben und unten, sagen bald dies, bald jenes oder machen sogar überhaupt nichts deutlich, wie sicherlich auch das dritte Buch Über die erkrankten Körperteile des Archigenes (beschaffen) ist. Von uns aber ist über den führenden Teil der Seele am ausführlichsten in den (Abhandlungen) Über die Lehrmeinungen des Hippokrates und Platon gesprochen, jetzt aber, da dies ja dargelegt ist, werden wir die Betrachtung der erkrankten Körperteile vornehmen. Was bei allen erkrankten Körperteilen gemeinsam ist, wobei es sich nicht auf eine theoretische Untersuchung, sondern auf eine notwendige erstreckt, das werde ich nunmehr mit dir durchgehen. 2. Von sämtlichen Aktivitäten im Körper des Lebewesens ist einer jeden ein Teil eigen, durch den sie entsteht. Also muss auch die Aktivität geschädigt sein, wenn der sie hervorbringende Teil in irgendeiner Hinsicht leidet. Er leidet aber bald an einem so leicht zu lösenden Leiden, dass es sofort aufhört, sobald das, was es bewirkt, abgetrennt wird; bald aber an einem so schwer zu lösenden Leiden, dass es zum größten Teil bestehen bleibt. Manchmal aber, wenn auch das Bewirkende selbst durchgeht, bringt es ein Leiden hervor, das nicht in dem Körperteil fest ist, und dies vergleicht Archigenes mit dem Schatten eines Leidens, wie bei den Augen, die ähnliche Erscheinungen haben wie (das Sehvermögen) bei den am Katarakt leidenden (Augen), bei denen sich im Magenmund feinteiliger Rückstand angesammelt hat. Denn wenn irgendwelche Ausdünstungen von dort zu den Augen aufsteigen, ist von diesen das Sehvermögen befallen und hat dann auf identische Weise Erscheinungen wie die am Katarakt leidenden (Augen). Und besonders passiert solches bei denen, bei denen auch die Augenflüssigkeit selbst außerordentlich rein und das Sehvermögen sehr wahrnehmungsfähig ist.