Wir wollen nun den Gedankengang erneut wiederaufnehmen und uns dann der damit zusammenhängenden Frage zuwenden, wie die Ursache der Harnverhaltung aus den vorangegangenen und den gegenwärtigen Symptomen erkannt wird. Als nämlich einer im Bereich des sogenannten Damms eine starke Prellung erlitt, wobei sich zu der Verletzung eine Entzündung gebildet hatte, war er nicht in der Lage, Urin zu lassen, und die Blase selbst, da sie gefüllt war, war ihrer Umgrenzung nach deutlich gespannt. Daraufhin schien es nicht gut, diesem einen Katheter einzuführen, weil die Entzündung von diesem verschlimmert werden wird, sondern es schien besser zu sein, warmes Wasser unter Beigabe von Öl darüber zu gießen. Nachdem wir dies ungefähr drei Stunden lang getan hatten, da wir gesehen haben, dass sowohl die Spannung hinreichend nachgelassen hatte als auch der Schmerz, wie er selbst zugab, gelindert wurde, forderten wir ihn auf, sich um die Urinausscheidung zu bemühen. Und als wir so gehandelt hatten, drückten wir sanft, womit wir die Schwellung der Blase nach unten zwangen. Und nachdem wir dies getan hatten, gab der junge Mann Urin ab. Bei solchen Gegebenheiten wird die Ursache der Harnverhaltung für uns deutlich erkannt, bei einigen der anderen Fälle aber nicht deutlich, vielmehr ist dann schon die kunstgerechte Vermutung, die von allen gewöhnlich (so) bezeichnet wird, nützlich, die irgendwie im Zwischenraum von genauer Kenntnis und vollkommener Unkenntnis liegt. Von daher ist es auch nicht möglich, dass sich bei allen Erkrankungen die von den Empirikern sogenannten pathognomischen Syndrome bilden, sondern, was Erasistratos zu sagen pflegte, ist die volle Wahrheit: Man muss mit seinem Denken geübt sein, das nicht nur das Leiden, wie es beschaffen ist, gut erkennen soll, sondern auch den leidenden Körperteil. Die Übung wird auf angemessene Weise stattfinden, nicht wenn wir danach suchen, ob wir davon sprechen müssen, dass der Blasenhals wegen eines verstopfenden Steines oder eines Gerinnsels betroffen ist oder ob dieser zwar nicht betroffen, seine Aktivität aber geschädigt ist. Danach nun suchte Archigenes – Überflüssiges im Hinblick auf die Heilkunst. Andere gingen noch weiter als dies und behaupteten dann, dass nicht einmal die Aktivität geschädigt sei. Denn sie entstünde, wenn der zusammenziehende Muskel den Blasenhals loslasse, die Blase selbst aber mit dem in ihr enthaltenen Urin zusammengezogen wird, die Unterleibsmuskulatur (die Blase) mit zusammendrückt. Wenn nun sowohl die Blase ihre eigene Aktivität unbeschadet behält als auch der willentliche Entschluss, wie er jeweils will, die Muskeln in den entsprechenden Zustand versetzt, wobei er die einen oberhalb liegenden anspannt, die anderen um den Hals liegenden locker lässt, wie könnte dann noch einer mit Recht, sagen sie, meinen, dass die Aktivität geschädigt sein müsse? Diese sind also gezwungen, zu sagen, dass das Leiden der Harnverhaltung nicht dadurch entsteht, dass die Urinausscheidung geschädigt ist, sondern (lediglich) behindert wird, (so) als ob das irgendeinen Nutzen für die Heilkunst hat, wenn sie unter Ersetzung des Verbs „geschädigt werden“ sagen, dass die Urinausscheidung behindert werde. Derartige Fragen sind also, wie ich sagte, theoretische und üben den Verstand, da sie weder etwas zum Erkennen der Leiden noch zum Auffinden des erkrankten Körperteils beitragen. Die von uns eben genannte (Frage) ist spezifisch für die vorliegende Abhandlung und so vieles zeigt sich schon an ihr, (etwa,) dass es notwendig ist, zuerst aufgrund einer Sektion die Substanz eines jeden Teiles genau zu erkennen, wie beschaffen sie ist, dann aber die Aktivität und die Verbindung zu den benachbarten Teilen, was in der Bezeichnung der Lage eingeschlossen ist. Und so trägt denn auch der Nutzen eines jeden der Teile Großes zum Auffinden des erkrankten Körperteils bei. Denn die Aktivitäten sind zwar aktive Bewegungen der Teile, der jeweilige Nutzen aber ist für alle vorhanden, auch wenn sie keine Aktivität ausüben. Bei der Urinabgabe jedenfalls erfolgt die Aktivität der Ausscheidung durch Zusammenziehen der Blase, bisweilen auch unterstützt durch die Unterleibsmuskulatur, wenn entweder der enthaltene Urin sehr gering oder die Blase ungespannt ist. Alles andere ist nützlich im Hinblick auf die Aktivität: Wenn nämlich die Blase selbst, was ihre Höhlung als Ganzes betrifft, nicht so gestaltet wäre, ihr Hals nicht in Gänze durchgängig wäre und die Harnleiter nicht schräg in sie einwüchsen, hätte sie die zusammenziehende Bewegung vergeblich. Aus der Kenntnis dieser Sachverhalte entsteht nun das Erkennen der erkrankten Teile zusammen mit den Leiden, die an ihnen auftreten, nicht aus der Frage, ob es nötig ist, zu sagen, dass das verstopfte Organ betroffen, ob unbetroffen ist.