Eine andere Art des Erkennens aufgrund bestimmter Zeichen ist gegeben, wenn an einer unpassenden Stelle etwas Widernatürliches enthalten ist wie in Nieren oder Harnblase ein Stein oder Eiter im Brustkorb. Von dieser Art ist auch das Blutgerinnsel, in welchem Teil auch immer es enthalten ist, oder ein anderer schädlicher Saft, der im Körper des Lebewesens entstanden oder von außen hereingebracht worden ist. Daher hat sich auch die Frage, die zum einen zu den Aufgaben der Heilkunst nichts beiträgt, die zum anderen einen allzu theoretischen Ansatz aufweist, für viele der jüngeren Ärzte ergeben, ob aus den erkrankten Körperteilen auch derartige Vorgänge entstehen, die in uns widernatürlich ablaufen, oder ob zwar kein Körperteil betroffen ist, das Lebewesen aber von der widernatürlichen Ursache belastet wird. Dass aber eine solche Frage, wie ich sagte, unnütz ist, kannst du leicht erkennen, wenn du dir den aus dem jeweiligen Erkennen für die Heilkunst resultierenden Nutzen überlegst. Es sei nun jemand angenommen, der drei Tage lang überhaupt keinen Urin ausgeschieden hat. Werden wir nicht sofort danach suchen, in welchem Teil des Körpers die Ursache des Symptoms liegt, ob in den Nieren oder in den Harnleitern oder im Bereich der Harnblase oder der Harnröhre? Wir werden sie doch nicht etwa in der Leber, der Lunge, der Milz, dem Magen und dem Herzen suchen und überhaupt nicht in einem anderen Teil, weil keiner von jenen ein Organ der Urinausscheidung ist. Wenn wir aber nicht wüssten, dass zuerst in den Nieren die Urinabsonderung stattfindet, der Urin dann aber durch die Harnleiter zur Blase gelangt und dann von dort ausgeschieden wird, auf die Art und Weise, die wir bei den Überlegungen zu den natürlichen Aktivitäten kennengelernt haben, dann wären wir nicht in der Lage gewesen, etwas davon herauszufinden. Doch es wird auch nicht genügen, bis dahin zu kommen; denn es ist besser zu untersuchen, welches die Ursache für die genannten Erscheinungen ist, deretwegen der Urin zurückgehalten wird. Der Weg der Untersuchung aber ist folgender: Man muss alle Symptome betrachten, sowohl die gegenwärtigen wie auch die vorangegangenen, indem man die gegenwärtigen selbst betrachtet und alle diejenigen, die zuvor aufgetreten waren, genau in Erfahrung zu bringen sucht, nicht vom Kranken allein, sondern auch von seinen Angehörigen. Es sei nun also als Beispiel eine Schwellung in der sogenannten Schamgegend angenommen, die in ihrer Umgrenzung klar anzeigt, dass die Blase gefüllt ist, es soll aber nichts ausgeschieden werden, ist dann nicht klar, dass entweder die den Urin ausscheidende Aktivität gelähmt oder der Gang der Harnröhre verstopft sein muss? Als Erstes muss man nun untersuchen, ob es möglich ist, dass sie gelähmt ist, indem man sich daran erinnert, wie die Ausscheidung des Urins bei den Gesunden vonstattengeht, wann immer sie sich selbst willentlich dazu entscheiden, indem einerseits der Muskel, der den Blasenhals ringförmig umschließt, seine Aktivität einstellt, die Blase selbst aber ihre Aktivität ausübt. Die Aktivität des Muskels geschieht zwar nach unserem Willen, die der Blase ist aber unwillkürlich und natürlich. Es ist nämlich in den Abhandlungen (Über) die natürlichen Fähigkeiten gezeigt worden, dass eine die Rückstände ausscheidende Fähigkeit in praktisch allen Teilen des Körpers vorhanden ist, die zwar immer alle haben, derer sie sich aber (nur) bedienen, wann immer sie von den Rückständen belastet werden. Wenn nun diese (Fähigkeit ) leidet, ist es möglich, dass bisweilen die sogenannte Harnverhaltung entsteht. Aber wenn man den Menschen so hinlegt, dass der Blasenhals nach unten geneigt ist und man mit den Händen die widernatürliche Schwellung herunterdrückt, wird der Urin ausgeschieden werden. Wenn sich für dich aber, nachdem du dies getan hast, nichts Weiteres daraus ergibt, dann ist es erforderlich, von der Ursache gemäß der Lähmung Abstand zu nehmen und stattdessen anzunehmen, dass die Harnröhre verstopft ist, denn der Muskel, der sich um sie herum befindet, ist, wenn er gelähmt ist, nicht für eine Harnverhaltung, sondern für die unfreiwillige Entleerung von Urin verantwortlich. Auf wie viele Arten der Gang im Blasenhals verstopft sein kann, den man Harnröhre nennt, dürfte anschließend zu betrachten sein. Mir scheinen es insgesamt drei zu sein, indem entweder ihr Körper sich so zu einer so großen widernatürlichen Schwellung ausdehnt, dass der Gang von ihr eingenommen wird, oder indem sich in ihm widernatürlich etwas wie zum Beispiel ein fleischartiger oder kallöser Körper gebildet hat oder auch sonst etwas den Gang blockiert. Der Körper selbst wird also durch Entzündung, Verhärtung, Abszessbildung oder eine sonstige Schwellung zu einer nennenswerten Geschwulst heranwachsen. In dem Gang wird sich Fleisch bilden, wenn ein Geschwür vorangegangen ist, eine andere Substanz aber im Verlauf einer langen Zeit, wenn allmählich ein dicker und klebriger Saft sie hervorgebracht hat. Er wird von einem Stein, einem Blutgerinnsel, von Eiter und einem dicken und klebrigen Saft verstopft werden. Alle diese Gegebenheiten muss man nun (voneinander) abgrenzen, wenn man nicht nur die gegenwärtigen, sondern auch die vorangegangenen Symptome betrachtet.