Einleitung Jhukydides, der Geschichtschreiber des Peloponnesischen Krieges, wurde etwa um 460 v. Ch. zu Athen geboren. Er war der Sohn des Oleros (I V104) und der Hegesipyle, welche, wie auch der Vater, einem alten thrakischen Königsgeschlechte angehörte, und durch die er mit dem Hause des Miltiades zu­ sammenhing. Über seinen Bildungsgang fehlt es an zuver­ lässigen Nachrichten; wahrscheinlich sind der damals in Athen tätige Philosoph Anaxagoras aus Klazomenai und der von ihm Buch Vlll Kap. 68 erwähnte Redner Antiphon seine Lehrer gewesen. Thukydides war athenischer Bürger und als Besitzer von Goldbergwerken im thrakischen Küstenlande in jener Gegend ein einflußreicher Mann. Er durchlebte den ganzen Krieg und wurde im zweiten Kriegsjahre (430) Augenzeuge der damals in Athen auftretenden furchtbaren Pest, an der er selbst er­ krankte, der er aber nicht erlag. Im achten Kriegsjahre (424) war er Feldherr und befehligte ein athenisches Geschwader bei Thasos an der thrakischen Küste. Von der athenischen Partei in dem damals durch den Lakedämonier Brasidas bedrohten Amphipolis zu Hilfe gerufen, kam er zu spät, um den Verlust der Stadt selbst abzuwenden, doch gelang eS ihm, wenigstens den Hafenplatz Eion zu retten (IV 104, 106, 107). Infolge­ dessen mußte er in die Verbannung gehen und zwanzig Jahre außer Landes leben. Dadurch fand er Gelegenheit, sich die Dinge auch auf peloponnesischer Seite anzusehen und sich ein unbefangenes Urteil über die Verhältnisse hüben und drüben zu bilden (V 26). Im Jahre 404 wurde er aus der Verbannung zurück-gerufen und kehrte nach Athen zurück. Er starb wenige Jahre nach Beendigung des Krieges, angeblich durch Mörder­ hand, und seine Asche wurde in der Kimonischen Familiengruft in Athen beigesetzt. Gleich bei Beginn des Krieges faßte er den Plan, dessen Ge­ schichte zu schreiben, und machte sich damit an die Arbeit (l 1). Über die Zeit der Entstehung der einzelnen Teile deS Werkes sind die Ansichten geteilt, und eS würde zu weit führen, darauf hier näher einzugehen. Anscheinend ist es zum Teil schon im Laufe des Krieges, zum Teil erst nach dessen Beendigung von ihm verfaßt worden. Nach einer geschichtlichen Einleitung im ersten Buche behandelt das zweite, dritte, vierte und fünfte Buch bis Kapitel 20 den ersten, zehnjährigen Krieg, daS fünfte, sechste und siebente die Zwischenzeit vom sogenannten Frieden des Nikias (421) bis zum Ausgange des Sizilischen Feldzuges (413), das achte, nur bis zum Jahre 411 vollendete, die Geschichte des sogenannten Dekeleiischen Krieges (413—401). Die Ereig­ nisse werden darin annalistisch, Jahr für Jahr, nach Sommer und Winter erzählt. Mit dem einundzwanzigsten Kriegsjahre bricht das Werk ab. Die Einteilung in Bücher rührt nicht von Thukydides selbst her, sondern stammt wahrscheinlich von einem alexandrinischen Gelehrten. In alter Zeit war es lediglich die Dichtung, welche die Er­ eignisse der Vergangenheit der Nachwelt überlieferte. Im sechsten Jahrhundert aber begannen die ionische« Logo­ graphen Nachrichten darüber zu sammeln und sie in Prosa aufzuzeichnen. Nach dem Perserkriege verfaßte dann Herodot, „der Vater der Geschichte", das erste wirkliche Geschichts­ werk. In dem dorischen Halikarnaß um 500 geboren, ge­ storben wohl 424 in Tburioi in Italien, schreibt auch er noch in ionischer Mundart und erzählt in naiv-liebenswürdiger Weise mit epischer Breite von Menschen und Dingen. Aber erst mit seinem Nachfolger, dem attischen Thukydides, beginnt in Griechenland eine streng wissenshcaftliche kritische Historio­ graphie. Thukydides teilt den alten Götterglauben nicht mehr, aber er glaubt an eine über den menschlichen Dingen waltende höhere Macht, die Tyche, wie er sie nennt, und das will doch sagen: an eine göttliche Vorsehung (ll 64). Den Orakeln gegenüber verhält er sich skeptisch, und an den Einfluß von Erdbeben, Mondfintsernissen und dergleichen auf den Gang der Ereig­ nisse glaubt er nicht. „Er erblickt daS historische Motiv in der Beschaffenheit der Menschennatur. Der Mensch selbst, besonders in seinen Lastern und Leiden, ist der Mittelpunkt seiner Geschichte." Er geht den Dingen sorgfältig auf den Grund und befleißigt sich strenger Wahrhaftigkeit. Thukydides, nicht zu verwehcseln mit dem gleichnamigen, I 117 erwähnten Gegner des Perikles, ist Aristokrat, aber kein eng­ herziger Parteimann. Er bewundert Perikles, preist die Größe und Blüte Athens unter seiner Verwaltung und beklagt die spätere Ausartung der Demokratie und daS verderbliche dema­ gogische Treiben seiner Nachfolger. Aber die oligarchische Herrschaft in Athen (411) ist nicht nach seinem Sinne, und er erklärt die nach deren Sturz erfolgte, auf eine vernünftige Mischung von Oligarchie und Demokratie hinauskommende Staatsveränderung für die wohlerwogenste, welche bei seinen Lebzeiten eingeführt sei (Vlll 97). Die Härte der Herrschaft der Athener und die Rücksichtslosigkeit ihrer Machtpolitik ver­ kennt er nicht, nimmt aber, wie seine Zeitgenossen überhaupt, daran keinen Anstoß, überzeugt, daß es nun eben unter Menschen nicht anders zugehe, und daß es die Lakedämonier jedenfalls nicht besser machen würden. Die der Erzählung eingefügten Reden sind, vielleicht mit einigen Ausnahmen, keine Geschichte, sondern von ihm selbst verfaßte rhetorische Kunstwerke, in denen er die jeweilige Situation beleuchtet und seine Ansichten als Historiker meisterhaft ent­ wickelt. Darum haben sie auch in der Form nichts Indivi­ duelles. „Die Ansichten des Historikers treten selbst als Historie auf. Thukydides war zugleich Redner und Geschichtschreiber. Seine Erzählung ist von aller Rhetorik frei, diese aber feiert in den Reden ihre großen Triumphe" (Ranke). Die ganze Geschichtschreibung des Altertums ist hierin bekanntlich auf seinen Bahnen gewandelt. Werfen wir schließlich einen Blick auf die Schreibweise des Thukydides, so steht diese formal nicht auf gleicher Höhe mit dem Inhalt seines Werkes. Die mit Hilfe der griechischen Partizipialkonstruktionen mögliche Zusammenschachtelung ver­ schiedener Gedankenreihen in denselben Satz ershcwert nicht selten das Verständnis, und die den Hauptsachen so vielfach angehängten Relativ- und Nachsätze dienen nach unserem Ge­ fühl dazu, deren unmittelbare Wirkung abzuschwächen. Zudem gestattet er sich in syntaktischer Hinsicht Freiheiten, um nicht zu sagen Nachläsisgkeiten, wie sie sich wenigstens der gebildete Deutsche selbst in mündlicher Rede nicht erlauben darf. Je höher wir den Wert des unsterblichen Werkes einschätzen und je mehr wir dem Verfasser unsere Bewunderung zollen, um so weniger haben wir Ursache, vor gewissen, doch auch ihm anhaftenden Schwächen die Augen zu verschließen. Eben diese aber machen es ihm möglich, so kurz und knapp zu schreiben, wie eS einer deutschen Übersetzung niemals gelingen wird.