Einen Andern zu tadeln glauben wir aber so gut berechtigt zu sein, wie irgend Jemand, denn die Dinge, um die es sich handelt, sind von der größten Wichtigkeit. Ihr jedoch scheint davon gar nichts DaS ist der Weisheit höchster Schluß: Nur der verdient sich Freiheit und das Leben, Der täglich es erobern muß. « Heutzutage gibt eS Nationen, welche (beeinflußt durch übelverstandene Frömmigkeit) von diesem Kampf um'S Dasein (der doch durch alle Reihen der Geschöpfe geht) Nichte wissen wollen, und Staaten und Genossenschaften, in denen man viel zu geisteSträg ist, um sich nur die Bedingungen zu verschaffen. welche ein Beobachten der Gleichgewichtsschwankungen in den Machtverhältnissen ermöglichen. Diese Bedingungen sind heutzutage: Viele Kennt, nisse; denn man muß zu unsern Zeiten im Stande sein, ebenso die materiellen und geistigen Verhältnisse der ganzen Erde zu übersehen, wie etwa ein damaliger Hellene die Verhältnisse der östlichen Mittelmeerläiider. Der indu. strielle und Handelsverkehr erleichtert die Anschaffung solcher Kenntnisse ungemein, so daß See. und HandelSstaaten auch hierin im Vortheil sind. zu merken und niemals überlegt zu haben, was für Leute ihr in den Athenern zu bekämpfen habt, und wie sehr und wie ganz und gar sie euch überlegen sind. Denn sie sinnen immer auf Neues und sind rasch bei der Hand, Pläne zu entwerfen und dem Entschluß die That folgen zu lassen; ihr aber denkt nur daran, das Bestehende zu erhalten und nichts Neues hinzuzuthun, und führt nicht einmal das Nothwendige durch die That aus. Hinwieder sind jene über Vermögen unternehmend, und ihre Tollkühnheit geht noch über ihre eigenen ersten Entschlüsse hinaus, und grade im Unglück sind sie erst recht voller Hoffnung; euch hingegen zeichnet es aus, daß eure Thaten hinter den Kräften zurückbleiben, daß ihr nicht einmal a'üs die zuverlässigsten Umstände einen Entschluß bauet, und niemals glaubt ein Unglück zu überstehen. Jene sind rastlos thätig, ihr seid Zauderer; sie sind immer außer Landes, ihr sitzt immer sein zu Hause; denn sie glauben durch Abwesenheit von der Heimath ihren Besitz zu mehren, ihr fürchtet durch Unternehmungen gegen Außen euren Besitz zu schädigen Wenn jene über ihre Feinde einen Sieg errungen haben, so beuten sie ihn aus's Gründlichste aus; werden sie aber besiegt, so machen sie sich sehr wenig daraus. Ihre Leiber geben sie für den Staat dahin, als wenn deren Besitz das Gleichgiltigste wäre; den Geist aber, insofern sie mit ihm für jenen wirken, halten sie für ihr eigentlichstes Besitztum, und wenn sie einen Plan nicht durchführen können, so glauben sie an ihrem Vermögen Schaden zu leiden; was sie aber durch eine Unternehmung gewonnen haben, dünkt ihnen gering gegen das, was sie noch durch ihre Thätigkeit zu erreichen hoffen. Und wenn ihnen 117*)Weil die Sicherheit des ganzen Spartanischen Staatswesens daraus beruhte, daß die Zahl der edlen Spartiaten möglichst groß sei gegenüber der lleberzahl der feindselig gesinnten Lakedämonischen Bauern und Heloten. Feld: züge in'S Ausland verminderten aber die Zahl der Spartiaten. War man durchaus z» solchen Feldzügen genöthigt, was in diesem Jahrhundert oft genug eintrat, so wurden Heloten und Periöken bewaffnet und mehr Heloten hinaus, geschickt, als Spartiaten. Bei Platää kamen sieben Heloten auf Einen Spartiaten. BrasidaS führte nach Thrakien nur Heloten. Je mehr dieser Waffenkncchte neten, desto besser für die Spartiatrn. Für sie selbst waren ihnen unblutige Siege lieber, als blutige. Waren ihrer viele gefallen, so erhielt Ares nur einen Hahn zum Opfer, wenn aber der Sieg mehr durch List und Klugheit errungen war, ein Nind. einmal ein Anschlag mißlingt, so richten sie ihre Hoffnung auf etwas Anderes und thun sich damit ein Genüge; denn sie sind die einzigen Menshcen, bei denen die Hoffnung schon so viel wie der wirkliche Besitz dessen ist, worauf sie sinnen, weil ihrem Entschluß rasch die Ausführung folgt. Und so zerarbeiten sie sich ihr ganzes Leben hindurch unter Mühsal und Gefahren und genießen ihres Besitzes sehr wenig, da sie immer nur auf neuen Erwerb sinnen, und sie kennen kein anderes Fest, als thätige Erfüllung ihrer Pflicht, und unthätige Ruhe halten sie für kein geringeres Uebel als mühselige Arbeit, so daß Einer, der sie mit wenigen Worten schildern wollte, in Wahrheit von ihnen sagen könnte, sie seien da, um weder selbst Ruhe zu haben, noch auch Andere in Ruhe zu lassen."