<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns:py="http://codespeak.net/lxml/objectify/pytype" py:pytype="TREE"><text><body><div type="translation" xml:lang="deu" n="urn:cts:greekLit:tlg0003.tlg001.1st1K-ger2"><div type="textpart" subtype="book" xml:base="urn:cts:greekLit:tlg0003.tlg001.1st1K-ger2" n="1"><div type="textpart" subtype="chapter" xml:base="urn:cts:greekLit:tlg0003.tlg001.1st1K-ger2:1" n="57"><p>Diese Vorsichtsmaßregeln trafen die Athener sogleich nach <lb/> der Seeschlacht bei Kerkyra, denn die Korinther waren nun schon so <lb/> gut wie erklärte Feinde, und Perdikkas 97), des Alexandros' Sohn <note type="footnote"> — wenn sie je abfallen sollte — für sie von der Seeseite her um fv leichter <lb/> angreifbar sei (Kr.). — Demiurgen, d. h. BolkSarbeiter, hießen anfänglich <lb/> solche, deren Kunst oder Gewerbe in besonderem Grade dem gemeinen Besten <lb/> diente, wie Herolde, Sänger, Aerzte. In Attika erscheint dann der Name <lb/> zur Bezeichnung der Handwerker neben den Geomoren (kleinen Bauern oder <lb/> Pächterin im Gegensatz gegen die Supatriden, die Adelichen. Hier <lb/> bezeichnet DeminrgoS die BolkSbeamten Dorischer Staaten, welche, der Oligarchie <lb/> bereits entgangen, schon mehr volkSthümliche Verfassungen hatten. Epide» <lb/> minrgen, die sonst nicht vorkommen, sind Beamte, welche hier von der <lb/> Mntterstadt Korinth zur Beaufsichtigung der Kolonie alljährlich zu den <lb/> bereits vorhandenen einheimischen Volksvorstehern hinzu (en») geschickt wurden. </note> <note type="footnote"> 97) Als Gründer des Makedonischen Reiches wird Perdikkas I. genannt. <lb/> Diesem folgten ArgäoS, Philipp I., AeropoS, AlketaS, Amyntas I., Alexan. <lb/> der I. DeS letzteren Sohn ist der hier genannte Perdikkas II., der bedeutendste <lb/> unter den früheren Makedonischen Königen, welcher schon ganz die schlaue und <lb/> treulose Politik befolgte, die später Philipp II. mit solchem Glück zur Aii«- <lb/> - breitung seiner Macht anwandte. Perdikkas II. hatte zwei Brüder, Philipp <lb/> und Alketas. Der letztere machte keine Ansprüche auf den Thron, Philipp <lb/> aber verbündete sich mit den Athenern und floh später zum Thrakii'chen König <lb/> Sitalkes, der zwar sür ihn Nichts that, aber nach seinem Tode (424 v. Chr.) <lb/> den Sohn desselben, AmyntaS II., nach Makedonien zurückführte. Später <lb/> verläßt Sitalkes diesen AmyntaS wieder, der dann aus der Geschichte verschwindet, <lb/> und schließt sich dem Perdikkas an. Der hier genannte DerdaS, deS ArrhidäoS <lb/> Sohn und Fürst von Elymia, war ein Verwandter des Perdikkas. — <lb/> Makedonien spielte eine ähnliche Nolle auf der Balkan-Halbinsel, wie sie neuerer <lb/> Zeit das HauS Savoyen'Piemont auf der Apenninen-Halbinsel, theilweise auch <lb/> das Haus Hohenzollcrn in Deutschland spielt: Vergrößerung um jeden Preis <lb/> (BiSmarck: „die Borussia muß ihren schmalen Leib erweitern). Ueberlegene <lb/> Macht kann sich leicht erweitern, indem sie schwächere Nachbarschaften sich <lb/> einverleibt. Das Mittel ist der einfache, meist kurz dauernde Krieg. Das <lb/> Gefühl, besonders das christlihc-moderne, am allermeisten aber das sogenannte <lb/> christlich-germanische — welches das allerempifndlichste zu fein scheint — sträubt <lb/> sich zwar, irgend eine Berechtigung solcher Machtkriege anzuerkennen, aber </note> <lb/> <pb n="57"/> und König von Makedonien, früher Bundesgenosse und Freund, war<lb/> ebenfalls zum Feind geworden, weil die Athener sich mit seinem <lb/> Bruman sieht doch ein, daß sie ganz direkt großen menschlichen Culturzwecken <lb/> dienen und gegen die sittlichen Forderungen nicht verstoßen? der <lb/> Schwächere wird zum Anschluß oder zur Unterwerfung aufgefordert, mit der <lb/> KriegSandrohiing. Er weiß, was ihm im Weigerungsfälle bevorsteht, und der <lb/> Mächtigere ist deßhalb ihn zu bekämpfen gezwungen, weil in den meisten <lb/> Fallen ein zweiter Mächtiger auf der andern Seite steht, welcher durch <lb/> Einverleibung des Schwächeren an Macht so überlegen zu werden droht, daß <lb/> eben daS Gebot der Selbsterhaltung ihm zuvorzukvminen nöthigt. Hierbei <lb/> wird weiter kein Recht verletzt, als das Existenzrecht des schwächeren Staates, <lb/> das in jedem Fall nur ein temporäres und von den größeren Verhältnissen <lb/> (die nicht von uns, sondern von der Gottheit abhängen) n»r in so lange <lb/> garantirteS ist, als die umliegenden Staaten von ziemlich gleicher Macht sind. <lb/> Welcher von diesen Gleichen unter Gleichen sich zuerst zu größerer Macht <lb/> emporschwingt, kann dies aber nur durch höhere sittliche Anstrengung <lb/> erreichen, womit eben den höchsten Zwecken der Menschheit und der Gottheit <lb/> gedient ist. Daher kommt &gt;eS, daß z. B. das Schauspiel der ausstrebenden <lb/> Römischen Macht ein sittlich erhebendes ist. denn es wird hier gezeigt, <lb/> was virtus des Menschen vermag. Ganz anders ist es aber, wenn politische <lb/> Schwäche um jeden Preis zur Macht gelangen will. „Es ist gewiß sehr in <lb/> der Ordnung und ein natürliches Verlangen, daß man sich zu vergrößern <lb/> wünscht: und immer werden diejenigen, welche es thun, wofern sie es nur zu <lb/> thun vermögen (d. h. die ausreichende Macht dazu besitzen), darum belobt, <lb/> oder doch nicht getadelt werden. Wenn sie eS aber nicht vermögen und <lb/> doch auf alle Weise thun wollen, da liegt der Tadel und der <lb/> Fehler. (Machiavell, Fürst, Kap. Z am Schluß.) Machiavell sieht hier nur <lb/> Machtsragen. Macht und Moralität gehen auch heutzutage noch nicht <lb/> ganz zusammen, aber wir glauben, es ist nicht zu leugnen, daß heutzutage <lb/> das moralische Bewußtsein der Volks-nassen doch schon eine ansehnliche Macht <lb/> geworden ist (in Folge der Erfindung GuttenbergS), mit welcher in der <lb/> Politik der Neugestaltungen gerechnet werden muß. Da nun politische Schwäche, <lb/> so gut wie individuelle, sich hauptsächlich unmoralischer Mittel <lb/> «Zweideutigfett, Lüge, Betrug» bedienen muß, wenn sie rasch emporkommen will, so <lb/> beleidigt sie dadurch die Macht des sittlichen Bewußtseins der Nationen, und es <lb/> scheint, daß dieses heutzutage nicht mehr ertragen kann, unmoralisches <lb/> Verfahren mit großem dauernden Erfolg gekrönt zu sehen. Wir wollen demnach <lb/> gern glauben, daß Machiavell nicht mehr ganz Recht hätte, wenn er heute <lb/> schriebe, was er im Fürsten zu Anfang des IS. Kap. sagt: „Wie man wirk» <lb/> lich lebt, und wie man leben sollte, liegt in meinen Augen so weit von <lb/> einander ab, daß derjenige, welcher um dessentwillen, was eigentlich geschehen <lb/> sollte, das verabsäumt, was wirklich geschieht, eher seinen Untergang, <lb/> als seine Errettung erleben wird, insofern ein Mensch (und ein Staat), der <lb/> <pb n="58"/> der Philippos 98) und dem Derdas, die sich gemeinsam gegen ihn<lb/> empörten, verbündet hatten. Zn seiner Furcht suchte er durch eine<lb/> Gesandtschaft nach Lakedämon den Athenern einen Krieg mit den <lb/> Peloponnesiern auf den Hals zu ziehen, und die Korinther brachte er<lb/> wegen des Abfalls von Potidäa auf seine Seite ^). Auch die <lb/> Chalkidäer und Bottiaer auf der Thrakischen Gränze suchte er abtrünnig<lb/> zu machen, in der Meinung, daß er in Verbindung mit diesen seinen <note type="footnote"> In allen Stücken zum Guten sich bekennen wollte, unter so Vielen, die nicht <lb/> gut sind, zu Grunde gehen muß." Vollkommen gilt ober der Satz noch, <lb/> wenn das Gute, zu welchem sich der betreffende Staat bekennt, eigentlich kein <lb/> Gutes ist, sondern nur der eben verschwindende Schatten eines ehemaligen <lb/> Guten, an welchen sich abergläubische Impotenz anklammert. So steifte sich <lb/> das untergehende Hellenenthum auf seine Frömmigkeit und führte heilige Kriege, <lb/> den Göttern zu Liebe, zu welchen Kriegen Philipp von Makedonien seine <lb/> Waffen herlieh, um dann die Unabhängigkeit der Hellenen als wohlverdienten <lb/> Zins einzuziehen. Impotenz ist eben keine Macht, und die Frömmigkeit macht <lb/> sie nicht um ein Haar mächtiger. Wer sich selbst hilft, dem hilft auch Gott. <lb/> — Der Erzherzog Karl sagt (in seiner eben erscheinenden Geschichte des ersten <lb/> Krieges der franz. Nevol. v. I. t7S2—l?S7, S. ll): Preußen spielte eine <lb/> unwürdige Rolle, „denn sie gründete sich auf unmoralishce Mittel, auf <lb/> Schwäche und Betrug." Schwäche ist hier in dem obigen Sinn zu <lb/> nehmen, daß die vorhandene Macht der Bergrößerungttendenz nicht entspricht. <lb/> Der äußerlich mächtigere Gegner solcher schwächeren Staaten kann aber deren <lb/> Jmmoralität den Schein der Moralität verleihen, wenn er selbst an andern <lb/> Schwächen leidet, z. B. wenn er den großen Zeitrichtungen, denen schließlich <lb/> keine Macht widerstehen kann, widerstrebt, oder wenn er seinem Charakter <lb/> nach überhaupt unthätig ist, während der schwächere Feind um so thätiger ist. <lb/> Unterliegt ein solcher Mächtigerer, so nimmt das sittliche Bewußtsein der Menge <lb/> sehr wenig Anstoß, denn eS erklärt sich jene beiden Fehler aus Mangel an <lb/> Kraft und Macht, während eS in der überlegenen Thätigkeit des schwächeren <lb/> Gegners einen Beweis von wirklicher sittlicher Kraft zu sehen glaubt. So <lb/> fiel das mächtigere Neapel vor Cavour, und als die Thätigkeit des Athenischen <lb/> Staatswesens erlahmte, auch deS Deinosthene« beredter Kummer dem erstorbcnen <lb/> Wesen keine Kraft mehr einzuhauchen vermochte, warf des Makedonischen <lb/> Philipp Politik, trotz ihrer Jmmoralität. das Hellenenthum zu Boden. In <lb/> der weitern Erzählung des Ttiuk. beachte man die Züge der treulosen <lb/> Makedonischen Politik, die erfolgreich war, weil sie anfänglich ein in sich <lb/> gespaltenes, später ein impotentes Hellenenthum sich gegenüber hatte. </note> <note type="footnote"> 98) vgl. n, 100. </note> <note type="footnote"> 99) Insofern er in der Lage war, den von den Korinthern betriebenen <lb/> Abfall Potidäa't von Athen wirksamst zu unterstützen. </note> <lb/> <pb n="59"/> Gränznachbarn den Krieg leichter werde durchführen können. Die <lb/> Athener aber merkten dies, und um dem Abfall der Städte <lb/> zuvorzukommen, so gaben sie den Anführern der Flotte, welche unter <lb/> Archestratos, des Lykomedes' Sohn, und noch zehn Anderen auf dreißig <lb/> Fahrzeugen tausend Schwerbewaffnete gegen den Perdikkas <lb/> führen sollte, und die eben zum Auslaufen bereit lag, den Auftrag, von <lb/> den Potidäern Geißeln zu nehmen, ihre Mauer niederzureißen und <lb/> aus die benachbarten Städte ein wahcsames Auge zu haben, um <lb/> ihren Abfall zu verhindern.</p></div></div></div></body></text></TEI>